Der Wächter


 Als ich mit Timon schwanger war, war ich sehr verbunden mit meinem Körper. So verbunden wie nie zuvor. Nach der Diagnose habe ich noch ehrfurchtsvoller in meinen Körper hineingespürt, zu meinem Kind hingespürt. Und auf einmal bekam ich Blutungen. Ich dachte schon: das war’s jetzt. Aber nein, die Blutungen traten immer nur dann auf, wenn ich lange saß. Meine Frauenärztin stellte fest, dass sich kurz vor dem Muttermund ein Polyp gebildet hatte. Ich konnte es nicht fassen. Auch das noch. Sie riet mir, den Polyp entfernen zu lassen. Dafür bräuchte es eine Vollnarkose. 

Ich wollte das nicht. Ich wollte keinen operativen Eingriff und schon gar keine Vollnarkose mitten in der Schwangerschaft. Ich las in allen Internetforen, die ich finden konnte und entdeckte den Bericht einer Frau, die erzählte, dass sie einen Polypen im Unterleib hatte, der von alleine abgegangen war. Es geht also auch ohne OP, dachte ich. Und auf einmal kam ich auf die Idee, dass ich mich ja in den Polyp einspüren könnte. Wie oft war ich bei Aufstellungen dabei gewesen bei welchen eine Krankheit als Symptom aufgestellt wurde. Und immer wieder hatte ich sehen können, dass das Symptom nicht gegen die aufstellende Person agierte, sondern für sie. Das hat mich jedes Mal zutiefst berührt. Wenn also eine Krankheit da ist - so habe ich das für mich interpretiert - geht es darum, dass ich die Botschaft der Krankheit verstehe. 

Also spürte ich mich in den Polypen ein, fragte ihn, was er mir sagen will und wofür er da sei. Seine Antwort überraschte und berührte mich zutiefst:

Ab der Diagnose war mir immer wieder gesagt worden, ich dürfte die Schwangerschaft auch abbrechen. Immer und immer wieder. Ich habe mich von diesem Abbruchvorschlag fast schon bedrängt gefühlt. Natürlich wurde immer wieder dazu gesagt, dass es wichtig sei, mich über die Option aufzuklären. Ja, gut, natürlich. Aber ich wurde ständig immer und immer wieder aufgeklärt. Und was machte nun der Polyp: er stellte sich zwischen mein Kind und die Abbruchaufklärung, indem er zuerst einmal die Aufmerksamkeit auf sich lenkte und gleichzeitig den Weg in den Uterus hinein wie ein Wächter bewachte. „Solange ich da bin,“ gab er mir zu verstehen, „kommt niemand an dein Kind dran, denn an mir kommt erst einmal niemand vorbei. Niemand. Ich mache dicht. Ich schütze dich und dein Kind.“ Bitte was?

Auf die Idee wäre ich nie gekommen. Ein Polyp bildet sich in meinem Körper, um mich zu schützen und ist auch noch mächtig stolz auf sich. Was für ein Geschenk, dieses Polypwesen, wie ich es heute nennen würde. Was für eine Unterstützung auf meinem Weg. Ich dankte ihm von Herzen und bin ihm bis heute zutiefst dankbar. 

Es haben schon einige Menschen über das Thema Krankheit als Weg geschrieben. Das liest sich immer so schön, aber es hilft alles nichts, wenn man das nur vom Kopf versteht. Man muss es erfahren. Und ja, diese Erfahrung bewahrt auch mich noch nicht immer davor, panisch zu werden, wenn ich eine Krankheit bekomme, die ich nicht haben will oder die mir Angst macht. Das ist immer ein Schock. Für jeden. Denn wir alle wollen leben, wir alle wollen überleben. Aber bei allem, was ich in den letzten Jahren erfahren oder auch begleiten durfte, ist mir doch klar geworden, dass wir nie ohnmächtig sein müssen. Die Angst ist ein Luder, aber sie kann uns dazu verhelfen Grenzen zu sprengen, weiter zu gehen als wir uns das jemals hätten träumen lassen. 

Menschen, die Heilung von schweren Krankheiten erfahren sind meist nicht mehr dieselben wie zuvor. Menschen, die durch eine traumatische Erfahrung hindurch gehen genauso wenig. Wenn wir dem Tod ins Auge sehen - selbst oder begleitend - das macht etwas mit uns. Danach kann man nicht weitermachen wie bisher. Es ändert sich etwas tiefgreifendes. Das Leben ist danach ein anderes. Wenn wir tief blicken, werden wir gleichzeitig weiter. Als ob der Radius des Lebens sich ausdehnt. Ich wünsche niemandem eine schwere Krankheit und ich wünsche auch niemandem die Erfahrung jemanden zu verlieren, aber das, was mit beidem einhergeht, nämlich eine Katapultierung hin zu einem anderen Bewusstsein, das wünsche ich jedem. Man muss dafür nicht schwer krank werden. Es suchen nicht umsonst heutzutage so viele Menschen nach spiritueller Anbindung, machen Yoga, meditieren oder was auch immer. Mein Weg war schon immer die Verbindung mit der Natur. Schon von klein an hat sich mein Herz ausgedehnt, wenn ich in der Natur war. Die Geomantie weist mir den Weg zurück dorthin. Die Aufstellungsarbeit war ein Weg hin zur Geomantie. Das tiefe mich einspüren und eins werden mit einer Person, einem Baum, einem Ort, einer Krankheit, was auch immer... all das habe ich dadurch gelernt. Es bereichert mein Leben zutiefst, macht es weit und lebendig. Danke Timon, dass du mich auf den Weg geschickt hast. Auf den Weg zurück zu mir. 

 

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