Emotionale Grenzsituationen

 


 Als ich meine allabendliche Runde mit dem Fahrrad drehe, fahre ich über eine Brücke. Darauf steht eine Frau. Sie schreit aufgeregt hinter einem Ausflugsdampfer her. Sie hoffe, dass Homo Sapiens bald von diesem Planeten verschwinde und dass diejenigen auf dem Boot die ersten sind, die es erwischt. Dabei schwenkt sie erbost ihre Bierflasche in Richtung Schiff. Die Bootsgesellschaft kann sie wahrscheinlich nicht hören, aber sie schimpft immer weiter.
Gibt es eigentlich eine Pflanze gegen das meckern, frage ich mich während ich weiterradle. Über alles wird gemeckert. Vielleicht liegt es daran, dass ich in der Hauptstadt der Meckerer lebe? Natürlich wird auch in anderen Teilen von Deutschland gemault, aber in Berlin, da gehört das schon fast zum guten Ton.
Warum bin ich denn nun auf einmal in Meckerlaune und meckere über meine Wahlheimat? Liegt es an der Meckerhautptstadt, der ich jeden Tag ausgesetzt bin? Oder liegt es am Ende daran, dass ich heute viel zu lange am Computer gesessen habe, teilweise beschäftigt mit Dingen, die viel zu viel Lebenszeit kosten, ohne dass sie mein Leben mit Mehrwert versorgen. Was hat mich überhaupt heute dazu gebracht, stundenlang am Computer wenig effektive Dinge zu tun, anstatt draußen den Tag zu genießen?
Und zack, da habe ich’s. Ich habe heute einen langen Dankesbrief an eine Familie geschrieben, die uns letzte Woche besucht hat. Sie haben drei kleine Kinder. Das kleinste ist noch nicht einmal ein Jahr alt. Die Mutter hat mir, kaum dass wir uns begrüßt haben, das Baby direkt in den Arm gedrückt. Einfach so. Am Tag zuvor war mir ein wenig mulmig gewesen bei dem Gedanken an das Treffen. Ich wusste nicht wie ich reagieren würde, falls sie genau das tun sollte. Aber da sie mir, schlau wie sie ist, das Baby direkt und ohne Vorwarnung in den Arm gedrückt hat, war ich so überrumpelt und fasziniert von diesem kleinen Wesen, dass alles ganz natürlich war. Dieses durch und durch besondere Kind sah mich mit seinen tiefblauen Augen ganz genau an, als ob es mir bis auf den Grund der Seele schauen könnte. Und ich fühlte mich, als würde ich tagein tagaus nichts anderes machen als Babys durch die Gegend tragen.
Als wir abends nach Hause kamen, wunderten wir uns, warum wir so müde waren, erschöpft, als wären wir einen Marathon gelaufen. Erst nach und nach wurde mir klar, was es uns beide für eine Kraft gekostet hatte den Bann zu brechen. Auf einmal ein lebendiges Baby auf dem Arm zu haben, obwohl ich doch das tote bis heute noch in meinem Arm spüren kann, wenn ich mich mit der Erfahrung verbinde. Es ist wie eingeschrieben dieses tiefe Gefühl, dieser kleine Körper, diese Ausnahmesituation.
Und so schließt sich mein heutiger Meckerkreis. Vor einer Weile habe ich festgestellt, dass ich persönlich immer nur dann anfange zu meckern, wenn ich in emotionalen Grenzsituationen bin. Vielleicht geht es nicht nur mir so sondern halb Berlin ist ständig in emotionalen Grenzsituationen. Derzeit mehr denn je.


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