Fields of Gold


Aus beruflichen Gründen sind wir in einem Städtchen im Norden. Es ist heiß die Tage. Windig. 

Am Abend flanieren wir nach dem Essen am Hafen entlang durch die Stadt. Auf einmal höre ich live Musik. Mein Herz ist bewegt. Wie lange habe ich keine live Musik mehr gehört. Nicht dass mir das bewusst gefehlt hätte. Aber in diesem Moment spüre ich, wie sehr es mir gefehlt hat. Tief in mir. Musik ist Liebe. Musik ist Leben. Musik ist heilsam. 

Wir gehen weiter, um zu sehen woher die Klänge kommen. Auf einmal höre ich keine Instrumente mehr, sondern Stimmen. Ganz zart. Viele Stimmen singen gemeinsam a capella. Was ist da los? Wir gehen weiter, kommen immer näher. 

In einem abgezäunten Bereich stehen Menschen feinsäuberlich mit Abstand und singen. Singen "Fields of Gold" von Sting. A capella. Ich habe das Gefühl noch nie so etwas schönes gehört zu haben. Ein heiliger Moment. Gänsehaut überall. Fields of Gold überall auf meinem Körper, um mich herum, einfach überall. Ich bin tief bewegt. Das Lied klingt lange in mir nach. Bis heute, obwohl das schon über eine Woche her ist. Es zeigt mir, lässt mich fühlen, wie wichtig die Kunst in meinem Leben ist. Wie überlebenswichtig.


Wieder zu Hause erinnere ich mich an meine Aufnahmeprüfung am Max-Reinhardt-Seminar vor vielen, vielen Jahren. In der dritten Runde der Aufnahmeprüfung sitze ich mit zwei anderen Anwärterinnen einem Regieprofessor, dem Dramaturgieprofessor und einer Schauspielprofessorin gegenüber. Sie wollen von uns wissen, was wir einem Politiker entgegnen würden, der befindet: "Kunst ist nicht wichtig" oder wie man es heute formuliert "nicht systemrelevant". 

Ich antworte, dass ich ihm das Kinderbuch "Frederick" von Leo Lionni schenken würde. Es war mein Lieblingsbuch als Kind. Für alle, die die Geschichte nicht kennen - es werden nicht viele sein - der Inhalt kurz erzählt: Während alle Mäuse Nüsse und Getreide für den Winter sammeln, sitzt Frederick scheinbar nur herum ohne etwas beizutragen. Die Mäuse fragen ihn, was er denn täte. Es stellt sich heraus, dass er Sonnenstrahlen, Farben und Wörter sammelt. Als im Winter die Vorräte der Mäuse zu Ende gehen, fragen sie Frederick, wie es denn um seine Vorräte bestellt sei. Und er klettert auf einen Stein und erzählt den hungrigen und frierenden Mäusefreunden in gedichteter Form von den Farben und der Wärme des Sommers, von der Schönheit der Natur und nährt damit ihre Herzen, die ebenfalls ausgehungert sind.

Ich glaube, ich kenne keine schönere Parabel für die Kraft und Heilwirkung der Kunst. Werdet wie die Kinder...sagte einst ein weiser Mann...ich sage: lest mehr Kinderbücher!

Frederick


 

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