Die drei Raupen

 


Die drei Raupen

Drei Raupen fraßen sich gleichzeitig durch ein Blatt und stritten darum, wer das größte Stückchen haben dürfte, wer bereits den saftigsten Happen gierig verschlungen hat und wer sich immer vordrängt. 

Eine der Raupen kroch daraufhin auf ein anderes Blatt. „Mir platzt gleich der Kragen vor Wut,“ schimpfte sie. Ihr platzte tatsächlich der Kragen und sie begann sich zu häuten. Sie wollte sich nicht länger streiten, sie konnte nicht mehr wütend sein, sie hatte plötzlich keine Kraft mehr dazu. Vom Blatt aus kroch sie in die Nähe des Stängels der Pflanze. Sie hatte das Bedürfnis, sich zu verstecken. Ganz mit sich alleine zu sein und vor allem wollte sie kein Gezanke mehr hören. Keinen Streit. Sie wollte es gemütlich haben auf ihre alten Tage, sie wollte es kuschelig haben und sie wollte ihre Ruhe. 

Die anderen beiden Raupen bemerkten erst gar nicht, dass ihre Freundin verschwunden war. Sie schimpften und zankten sich weiter. Doch plötzlich sagte eine zur anderen: „Wo ist denn Jade hingegangen? Sie war doch gerade noch da.“ Sie fingen an zu rufen und sie zu suchen. „Das war doch nicht so gemeint!“ riefen sie. „Wo steckst du denn? Hat dich der Habicht gefressen?“ Doch da sah Margarete plötzlich, was mit Jade passiert war. „Schau nur, sie stirbt. Sie baut sich schon ihren Sarg, so wie wir es schon bei vielen gesehen haben.“

„Jade!“ riefen sie daraufhin noch emsiger. „Du hast uns versprochen bei uns zu bleiben und nicht wie alle anderen klammheimlich zu verschwinden, Das hatten wir so abgemacht.“ Aber Jade antwortete nicht. Sie musste sich so anstrengen um die enge Haut von ihrem Körper zu bekommen, dass sie dafür all ihre Kraft brauchte. 

Margarete und Lila waren traurig. „Sie stirbt, sie stirbt und bald wird sie ganz verschwunden sein, so wie all die anderen.“ sagte Lila. Sie vergaßen sogar für kurze Zeit weiter zu fressen, so traurig waren sie. „Komm, Lila. Lass uns auf eine andere Pflanze kriechen. Ich möchte ihr nicht beim sterben zusehen. Das ist furchtbar. Das ist mir zu traurig.“ sagte Margarete und kroch von dannen. 

Lila aber wollte nicht, dass Jade alleine sterben musste. Inzwischen hatte sich die Puppe komplett um Jade geschlossen. „Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst.“ flüsterte Lila. „Es tut mir leid, dass ich mit dir gezankt habe. Hätte ich gewusst, dass du heute stirbst, ich hätte dir den größten Brocken überlassen, glaub mir.“ Aber Jade antwortete nicht. Oder doch. Lila hörte ein ganz kleines schwaches Zirpen. „Ich werde hier sitzen bleiben und Wache halten, damit dir nichts passiert. Du und dein Sarg, ihr sollt in Ehren gehalten werden. Nicht, dass du geraubt wirst, so wie es all unseren anderen Freunden passiert ist. Plötzlich war der Sarg leer und sie waren weg. Das wird dir nicht passieren.“ 

Lila fraß noch ein bisschen weiter, aber dann hatte sie keinen Hunger mehr und starrte nur immer wieder auf den Kokon ihrer Freundin. „Ach wenn ich dich doch nur retten könnte,“ sagte sie, „ach wenn ich doch irgendetwas tun könnte, dass du nicht sterben musst. Du bist noch so jung. Zu jung zum sterben und warst immer so eine gute Freundin für mich.“ Lila weinte und weinte und weinte sich in den Schlaf, obwohl sie doch eigentlich noch wach bleiben und Wache halten wollte. 

Das ging einige Tage so. Inzwischen war die Pflanze um sie herum schon so abgefressen, dass sie kurz davor war ebenfalls zu sterben. „Jade,“ sagte Lila, „ ich muss jetzt auf eine andere Pflanze umziehen. Ich will nicht, dass diese Pflanze stirbt, sonst geht dein Sarg kaputt oder du wirst geraubt wie alle unsere anderen Freunde, weißt du noch? Das Blatt über deinem Sarg muss ich stehen lassen, damit es dich schützt,“ sagte sie, „aber ich bin ganz in deiner Nähe. Ich bin gleich nebenan und ich schaue auf dich. Ich passe auf, dass deinem Sarg nichts passiert, das verspreche ich dir.“

Und sie fraß sich bis auf die andere Seite hin durch. Als sie dort angekommen war, warf sie noch einmal einen Blick auf Jades Sarg. Da sie das Gefühl hatte alles sei in Ordnung, schlief sie ein und als sie am nächsten Tag erwachte, war das passiert, was bisher auch mit allen anderen Freunden passiert war: der Sarg war leer. Er hing mit einem Loch völlig leblos an der Pflanze und Jade war weg. Lila machte sich die größten Vorwürfe, weil sie nicht besser aufgepasst hatte. Aber sie konnte es nicht mehr ändern. Jade war weg. Doch Lila war komischer Weise gar nicht traurig. Sie war beruhigt. Sie war zufrieden. Sie hatte ihr Bestes gegeben und jetzt war Jade doch verschwunden. Aber irgendwie, Lila wusste noch nicht warum, war sie heute froh. Sie blickte hinauf zum Himmel. Die Sonne schien schon warm auf den Morgentau rings um sie her und über ihr flog ein grüner Schmetterling. „Ach was gäbe ich drum auch ein Schmetterling zu sein.“ dachte Lila und fühlte sich plötzlich ganz müde. „Was gäbe ich drum fliegen zu können, aus diesem engen Körper heraus zu kommen und nicht den ganzen Tag Hunger zu haben...Du hast ein leichtes Leben“, rief sie dem Schmetterling zu. Der Schmetterling landete neben ihr auf einer Blüte, saugte Nektar, wie um ihr zu zeigen, dass auch ein Schmetterling Hunger hat. Er ernährt sich nur anders. Lila war müde. Sie zog sich zurück. Der Schmetterling hatte sie auf eine wunderliche Art traurig gemacht und zugleich glücklich werden lassen. „Muss ich jetzt auch sterben?“ fragte sich Lila. Sie fühlte sich so schlapp, hatte keine Lust mehr zu fressen und kroch zum Stängel der Blume, um sich im Schatten auszuruhen. Der Schmetterling wich nicht von ihrer Seite. Er setzte sich auf das Blatt neben ihr und schaute sie die ganze Zeit an mit seinen treuen Augen, die ihr irgendwie bekannt vorkamen. Er spendete ihr Schatten und Lila begann sich zu häuten. „Ich muss sterben,“ dachte sie nur, „jetzt muss auch ich sterben. Dabei liebe ich das Leben so sehr. Warum muss ich schon gehen? Schmetterling, kannst du mir das sagen?“ Der Schmetterling flog ganz wild um sie herum. Als ob er ihr Mut machen wolle. Als sie fortfuhr sich zu häuten, setzte er sich wieder ganz still neben sie und sah zu wie sie sich immer mehr verpuppte. „Mach’s gut, Schmetterling.“ sagte Lila noch, bevor der Kokon völlig verschlossen war. „Ich hätte gerne mehr Zeit mit dir verbracht. Du bist so wunderlich. So voller wunderbarer Neuigkeiten. Ich verstehe sie nicht. Doch du gibst mir das Gefühl, dass alles in Ordnung ist. Dass das Leben schön war und es jetzt Zeit ist zu gehen. Du gibst mir das Gefühl, dass das Leben lebenswert ist und ich dankbar sein kann für alles, was ich erleben durfte. Du gibst mir das Gefühl, dass ich richtig bin und immer sein werde. Du gibst mir so ein Gefühl von Leichtigkeit und Weite. Leb wohl, Schmetterling. Leb wohl.“ Und der Schmetterling bewegte die Flügel, so als wolle er zum Abschied noch mal winken...oder war es ein Willkommensgruß? Ehe Lila das herausfinden konnte, war es dunkel um sie her, tief dunkel und sie bekam Angst. Sie war in ihrem kleinen Kokon eingeschlossen und plötzlich drehte sich alles um sie herum. Ihr wurde schwindelig. Sie verlor sich im Raum. Alles kreiselte und drehte sich. Sie flog mit den Sternen, sie schneite wie Schnee. Sie hatte alle gerne und dann oh je krachte es um sie, lachte es um sie. Donner und Blitz geschahen und sie sah auf einmal ein Licht. Ein kleines Licht ganz weit weg von sich. Sie ging auf das Licht zu und wollte tief in das Licht eintauchen und rührte sich und hatte das Gefühl, sich von etwas befreien zu müssen und rührte sich und es krachte noch mehr um sie her und das Licht kam immer näher, immer näher. Sie musste sich anstrengen, um dem Licht selbst auch immer näher und immer näher zu kommen. Da krachte es noch einmal gewaltig. Sie hatte das Gefühl Platz zu haben. Als ob sie sich plötzlich wieder frei bewegen könne. 

Da merkte sie, dass sie mitten im Licht stand. Zumindest der Kopf war mitten im Licht. Es schien so hell, dass sie zunächst nichts sehen konnte. Sie war geblendet von dem goldenen Licht, das um sie herum schien. Sie streckte sich. Sie reckte sich in alle Richtungen. Langsam konnte sie klarer sehen und ein paar Konturen erkennen. „Bin ich doch nicht tot?“ fragte sie sich. „Was ist mit mir? Ich fühle mich so leicht, als ob ich fliegen könnte. Der Wind streichelt mich so zart, als liebte er mich mehr als alles andere. Ich kann fliegen und wie die Sonne lacht und wie der Himmel blau ist und duftet so herrlich. Wo bin ich nur?“ Sie ließ sich auf einer Blume nieder auf der ein grüner Schmetterling saß. „Ach so, du bist es wieder,“ sagte sie. „Du kannst mich ja nicht verstehen.“

„Natürlich kann ich dich verstehen, Lila.“ sagte der Schmetterling. „Ich konnte dich immer verstehen, auch als du noch eine Raupe warst. Nur du hast meine Sprache nicht verstanden.“ Lila erschrak. Sie konnte die Schmetterlingssprache verstehen. Was war nur passiert? 

„Du musst keine Angst haben,“ fuhr der Schmetterling fort, „Du bist jetzt nur einer von uns. Wieder einer von uns und wir sind die Selben auch wenn wir nicht mehr die Gleichen sind.“ Da kamen plötzlich lauter Schmetterlinge angeflogen, um sie zu begrüßen und sie erkannte alle wieder. Sogar Margarete war dabei. „Ihr seid alle so wunderschön,“ seufzte Lila, „Wie schade, dass ich...“ Sie schlug verschämt mit den Flügeln. Erst da wurde ihr klar, dass auch sie Flügel hatte. Dass auch sie jetzt ein wunderschöner Schmetterling geworden war, mit lila Flügeln. Und unter der Blüte auf der sie saß, sah sie eine kleine Raupe sich abmühen. Essen und kriechen und essen und kriechen.  Sie wollte ihr so gerne Mut machen, ihr sagen, dass es sich lohnt eine Raupe zu sein, herumzukriechen, sich voll und fett zu fressen. „Sie kann dich nicht hören,“ sagte der Schmetterling. „Aber sie wird vielleicht fühlen, was du ihr zu sagen hast. Du kannst sie begleiten auf ihrem Weg, dann wird er ihr leichter. Und das wollte Lila. So wie der grüne Schmetterling, Jade, ihr geholfen hatte, so wollte sie der kleinen Raupe beistehen. Denn die kleine Raupe hatte noch einen langen Weg vor sich, bis sie auch zu einem wunderschönen Schmetterling werden würde.


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