Die Schwelle der Hingabe


 Heute ist Karfreitag. Karfreitag ist im christlichen Glauben der Tag an dem Jesus gekreuzigt wurde. Der dunkelste Tag. Der Tag an dem wir mit unserer größten Angst konfrontiert werden. Der Angst vor einem qualvollen Tod. Der Angst vor Schmerzen und der Angst vor dem Tod an sich. Die Dunkelheit ist das Nichts. Dort gibt es keine Orientierung, kein Licht, nichts, was uns „erhellt“. In der Dunkelheit können wir uns nicht mehr auf unsere Augen verlassen. Sie sehen nichts. Jesus hat gesagt: „Vater, warum hast du mich verlassen?“ Das steht für mich für die absolute Hoffnungslosigkeit. Das nichts mehr wissen, das nicht mehr weiter wissen. Die Angst, die mich packt. Die Angst alles zu verlieren. Sogar mich selbst zu verlieren. Der Karfreitag lädt uns dazu ein. Alles zu verlieren. Alles loszulassen. Uns selbst zu verlieren. Wer bin ich, wenn es kein „Ich“ mehr gibt? Was bleibt dann noch? Was bleibt von allen Rollen, die ich spiele, von allen Mustern in denen ich mich bewege? Von meinem Körper? Vater, warum hast du mich verlassen? Das heißt für mich während ich dies schreibe: warum weiß ich nicht mehr weiter? Warum hat mein Verstand keine Antwort mehr? Was ist das für eine Schwelle über die ich da hinübermuss, wo das Denken keinen Halt mehr findet? Ich merke richtig, wie ich kaum mehr weiterschreiben kann, weil das Denken, wenn ich mir diese Frage stelle auch bei mir aussetzt. 

Stille. 

Tiefe Stille. 

Aber ich spüre, dass mein Herz noch klopft. Ich spüre, dass es leuchtet. Aber ich sehe doch nichts. Es leuchtet von Innen. Im Innern. Das Licht wächst. Es dehnt sich aus und da ist nur noch Liebe. Pure Liebe. Für mich und für mein Sein. Für euch alle. Das Licht wächst. Es stubst alles an, was da im Dunkeln verborgen liegt. Alle Dunkelwesen, die dort herumtollen. Die mir Angst gemacht haben als Kind im Dunkeln. Sie wollen mir nichts Böses. Sie tragen ihren Teil zur Schöpfung bei. So wie es auch in der Natur die Wesen gibt, die dafür sorgen, dass sogenannter Abfall wieder zu kostbarem Humus verwandelt wird. Sie arbeiten im Dunkeln. Sie verbinden uns mit unserer Angst. Und wenn wir sie ganz tief spüren können in uns. Wenn die Angst am Größten ist. Wenn sie fast nicht mehr auszuhalten ist. Die Angst ist so groß. So sterbensgroß. Nichts hält mich mehr. Ich halte nichts mehr. Und genau da geht es weiter. Und genau dort beginnt ein neues Licht zu leuchten. Genau dort wird ein neuer Stern geboren, ein neuer Planet. Ein größerer. Ein schönerer. Dein eigener. Du bist der Planet, der sich neu gebiert. Du bist deine eigene Neuschöpfung. Hinter der Angst ist das Leben. Der Tod ist nur der Übergang dorthin. Der Durchgang. Die Schwelle der Hingabe. 

 

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