Ein verlorenes Jahr

 


Mich hat sehr traurig gemacht, dass einer meiner Cousins mir zu Weihnachten geschrieben hat, 2020 sei für ihn ein verlorenes Jahr gewesen. Unser Leben ist so kostbar. Wir können es uns nicht leisten auch nur eine Minute davon zu verlieren. Durch die vier letzten Monate der Schwangerschaft während derer ich schon wusste, dass unser Sohn nicht lebensfähig sein wird, habe ich gelernt, die Fülle des Moments zu leben, ganz hier und jetzt zu sein mit allem, was dazu gehört und dadurch eine Intensität des Lebens erfahren, die ich zuvor nicht kannte. Mit allen Sinnen haben wir uns hindurchgelebt mit sämtlichen Aufs und Abs, weil es nicht andres ging. Ich hatte nicht mehr die Kraft irgendetwas von mir wegzuhalten. Leben geschieht. Man kann es nicht kontrollieren. Leben will gelebt werden. Das Leben wird nicht reich dadurch, dass wir ständig Angst haben, dass es bald vorbei sein könnte. Es wird reich, wenn wir uns fragen: was würde ich tun, wenn ich definitiv wüsste, dass ich nur noch einen Monat zu leben habe? Was würde ich lassen? Welche Menschen möchte ich um mich haben, wenn mir nicht mehr viel Zeit bleibt? Was möchte ich hinterlassen? Nichts konfrontiert uns so sehr mit dem Leben wie der Tod. Er zeigt uns auf, wo wir am Leben vorbeigehen. Er zeigt uns in absoluter Klarheit auf, was wirklich wichtig ist. Er zeigt uns, dass wir alleine über unser Leben bestimmen, niemand anderes. Denn wenn man nichts mehr zu verlieren hat, dann kann man nur noch gewinnen. Der Tod ist unser Freund nicht unser Feind, wenn wir uns erlauben, dass er unseren Blick aufs Wesentliche lenkt. Was würdest Du tun, wenn Dir nicht mehr viel Zeit bliebe? Was würdest Du in Deinem Leben ändern? Mit wem würdest Du Zeit verbringen wollen? Was würdest Du kreieren? Was bereitet Dir Freude? Was begeistert Dich?

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