Die Würde der Trauernden oder Warum fünf Tage vor Weihnachten plötzlich sieben bewaffnete Polizisten vor meiner Tür stehen


Folgenden Text schrieb ich 2018 fünf Tage vor Heilig Abend. Ich habe hin und her überlegt, ob ich ihn - obwohl er schon 2 Jahre alt ist - hier noch veröffentlichen soll. Weil heute ein Wuttag ist in meinem Leben, habe ich mich entschlossen ihn mit im Blog aufzunehmen. Aber lesen Sie selbst:

20.12.2018. Es gibt immer einen Moment im Leben eines Menschen, da ist es dann mit der Geduld vorbei. Mit der Leidensfähigkeit vorbei. Und mit der Höflichkeit vorbei. Gestern war so ein Tag in meinem Leben. Der 19.12.2018 wird mir wohl ewig im Gedächtnis bleiben. Heute wäre mein Sohn 18 Monate alt geworden. Ich schreibe wäre, weil er heute vor genau 18 Monaten, am 20.06.2017 bei seiner Geburt verstorben ist.
Gestern, am 19.12. standen, kaum dass mein Geduldsfaden gerissen war, plötzlich sieben Polizeibeamte in voller Montur bei uns im Hausflur und erkundigten sich nach meinem Befinden. Fünf Tage vor Heilig Abend sagte mir ein Polizeibeamter: „Sie haben also ein Problem mit einem Parkplatz?“ Ich habe ihn fassungslos angesehen und gefragt, ob er mich für dumm verkaufen will. Seine beiden Kolleginnen schickten die Männer nach draußen und baten, ob sie reinkommen dürfen.
Aber fangen wir von vorne an. „Wer über manche Dinge seinen Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.“ sagt Emilia Galotti.
Ich habe meinen Verstand behalten. Noch. Aber es gibt Dinge, die auch mich übersteigen. Schließlich bin ich auch nur ein Mensch. Als ich am 20. Februar 2017 im Rahmen einer Routineuntersuchung erfahre, dass mein Kind voraussichtlich nicht leben können wird, wenn es auf die Welt kommt, habe ich fast meinen Verstand verloren. So ein Moment ist schwer zu beschreiben. Alles steht plötzlich still. Die Zeit läuft nicht mehr weiter. Die Erde dreht sich nicht mehr. Um einen herum tobt das Leben, aber man selbst ist nicht mehr daran beteiligt. Kann es nicht mehr fühlen. Wie taub. Wie innerlich erloschen fühlt sich das an. Dazu ein Arzt, der sagt, man kann so eine Schwangerschaft auch abbrechen. Und nicht nur einer. Immer wieder hören wir uns das an. Jedes Mal antworten wir geduldig. „Nein danke. Wir möchten nicht abbrechen. Wir möchten schwanger bleiben.“ Ganz geduldig.
Dann suchen wir ein Krankenhaus aus in dem ich gerne gebären möchte. Eines, das uns sympathisch ist. Eine selbstbestimmte Geburt verspricht. Die Menschen dort machen den Eindruck, dass sie sehr gut in der Lage sind uns bestmöglich zu begleiten. Ein Volltreffer. Doch unser Wunsch scheint auf der Kippe zu stehen, weil es dort keine Neonatologie gibt. Also schauen wir uns ein anderes Krankenhaus an. Und obwohl wir schon in der Abteilung sind, in der es um stille Geburten und sterbende Kinder geht, wird uns wieder gesagt: „Sie dürfen so eine Schwangerschaft auch abbrechen.“ Und wieder bleiben wir höflich und lehnen dankend ab. So geht das immer weiter.
Wir entschieden uns zu heiraten. So schnell wie möglich natürlich, weil wir nicht wissen, wie lange unser Kindchen bei uns bleiben wird. Wir wollen nicht, dass mein Lebensgefährte, seine Vaterschaft erklären muss, kaum dass unser Kind auf der Welt ist. Dann werden wir andere Sorgen haben, denken wir. Also gehen wir zum Bezirksamt Mitte, um uns Informationen darüber zu holen, welche Unterlagen man braucht, um sich zur Trauung anmelden zu können. Es gibt im Netz nichts darüber zu finden. Es heißt, man müsse im Standesamt erscheinen. Machen wir. Sind zum Zeitpunkt der Öffnung des Amtes vor Ort. Es warten um sieben Uhr morgens bereits mehr Menschen auf einen Termin als überhaupt an diesem Tag Wartenummern zu vergeben sind. Wir bleiben höflich. Was kann der Pförtner, der die Nummern ausgeben muss denn dafür?
Wir fahren zu dem Standesamt in dem wir eigentlich heiraten wollen. Das Wartezimmer ist leer. Sie lesen richtig. Leer. Dort sitzt nicht eine Person. Nicht zwei Personen. Es ist leer. Nach ca. 10 Minuten werden wir aufgerufen. Wir haben uns in eine Liste eingetragen auf der nur unser Name steht. Selbstständig eintreten darf man nicht.
Wir bitten die Dame um Auskunft. Sie sagt, sie darf uns diese Auskunft nicht geben. Nur das Standesamt des Bezirkes in dem wir gemeldet seien, dürfe uns diese Informationen mitteilen. Wir schildern ihr unsere Lage und die Lage des Amtes. Bitten um ihre Hilfe. Die Dame bleibt beharrlich. Sie könne doch nicht die Arbeit für ihre Kollegen übernehmen. Sie wisse um die Umstände, aber das liege nicht in ihrer Hand. Wir bleiben höflich und versuchen weiterhin den Glauben an die deutsche Bürokratie und an die Würde des Menschen nicht zu verlieren.
Wir suchen im Netz nach Möglichkeiten und kommen auf die Idee beim Potsdamer Standesamt nachzusehen. Vielleicht sind die Brandenburger gnädiger. Ja. Sind sie. Wir bekommen sofort alle Auskünfte, die wir brauchen. Aber auch das nächste Problem. Da mein Zukünftiger zwar deutscher Staatsbürger, aber nicht in Deutschland geboren ist, brauchen wir eine internationale Geburtsurkunde. „Das kann dauern.“ sagt die Standesbeamtin. Doch auch das bekommen wir geregelt. Es erweist sich als schwieriger einen Auszug aus dem Münchner Geburtsregister für mich zu bekommen als eine internationale Geburtsurkunde für meinen Mann. Wir nehmen es sportlich. Bleiben höflich. Haben durch waghalsige Reisen innerhalb von zwei Wochen alles zusammen. Heiraten ein paar Tage später.
Einen Monat danach wird unser Kind geboren. Nicht wie heute am kürzesten Tag des Jahres. Nein. Mit viel Licht kommt es zur Welt. Es entscheidet sich aber diese, schon eine Stunde bevor es das Licht der Welt erblickt hat, wieder zu verlassen. Wir sind traurig und bleiben geduldig mit uns und der Welt. Schauen mit unserem Kind ins Licht. Auf die helle Seite des Lebens.
Wir treffen eine großartige Bestatterin, Angela Fournes, die ich jedem nur ans Herz legen kann. Sie hat gerade mit der Journalistin Annette Bopp zusammen ein großartiges Buch über den Umgang mit dem Tod geschrieben „Den Tod muss man leben“.
Zusammen mit ihr bestatten wir unseren kleinen Sohn auf dem Friedhof am Südstern. Als wir unseren Sohn dort zu Grabe tragen, scheint uns das der für ihn und uns beste und würdigste Platz zu sein, obwohl wir selbst nicht in Kreuzberg sondern in Tiergarten wohnen. Was wir zum damaligen Zeitpunkt noch nicht wissen ist, dass ab dem 4. Januar 2019 das gesamte Gelände um den Friedhof zu einer Parkraumbewirtschaftungszone verändert wird. Eigentlich schon seit Oktober 2018 soll das so sein. Seit September stehen dort Parkautomaten, die auch schon funktionieren und fleißig Parkscheine ausdrucken, für jeden Blöden, der Kleingeld einwirft, auch wenn man noch gar nichts bezahlen muss. Wir Deutsche sind eben brave Bürger mit vorauseilendem Gehorsam. Inzwischen sogar in Kreuzberg. Aufgrund einer falschen Beschilderung waren plötzlich alle Automaten wieder außer Betrieb. Jetzt heißt es, es muss ab Januar bezahlt werden.
Auch wir sind brave deutsche Bürger. Ich gehe mit meinem Mann zum Bezirksamt Friedrichshain Kreuzberg, um eine Parkvignette zu beantragen. Da wir nicht in Kreuzberg wohnen, erfahren wir, dass es für viele andere Ausnahmeregelungen gibt. Für uns leider nicht. Auch da bleiben wir höflich.
Die Dame ist so freundlich unseren Antrag auf Ausnahmeregelung an das Ordnungsamt weiter zu leiten. Sie hat die Vermutung, dass dort vielleicht wirklich eine Ausnahme gemacht werden könnte. Ein Schreiben belehrt uns gestern eines Besseren. Nein. Auch dort kann man keine Ausnahme machen. Ausnahmen gibt es für Handwerker, Cafébesitzer. Für Menschen, die mehrere Autos haben. Für Betreiber von Carsharingportalen. Kurzum für alle, die auf ihr Auto angewiesen sind, wenn sie ihrem Beruf nachgehen möchten. Das ist auch richtig so.
An uns Friedhofsbesucher hat leider keiner gedacht. Auch all diejenigen nicht, die den Friedhof als Freizeitpark nutzen. Die mit ihrem Fahrrad an uns vorbeidüsen, während wir zum Grab laufen. Auch diejenigen nicht, die auf der Bank an unserm Grab sitzen, dort rülpsend ihr Feierabendbier trinken und die Kronkorken einfach liegen lassen, ein Schäferstündchen mit der Geliebten halten oder mit ihren Kindern dort picknicken. Niemand hat an uns gedacht.
Wir Trauernden sind nicht laut. Wir sind still in unserer Trauer. Wir gehen zum Friedhof. Bringen Blumen mit. Kümmern uns um die Gräber. Verharren still am Grab, so lange wir das brauchen. Dann gehen wir still wieder nach Hause. Wir freuen uns, wenn wir Ruhe haben, um uns mit unseren Toten zu verbinden. Wir bezahlen jedes Mal, wenn wir auf dem Friedhof auf die Toilette müssen 50 Cent. Das wurde eingeführt, weil die Toiletten sonst von Fixern als Wohnklo benutzt werden. Auch dafür hatten wir Verständnis. Sowohl für die Fixer als auch für die Gebühr. Geändert hat sich nichts. 50 Cent bekommt auch jeder Fixer noch irgendwoher, der gerne mal eine Stunde im Warmen sein möchte. Geduldig gehen wir alles mit. Wir wollen keinen Ärger. Wir wollen in Ruhe trauern.
Diesen Sommer haben wir uns einen Gartenschlauch gekauft. Ihn jeden Tag vom Auto zum Friedhof geschleppt und wieder zurück. Das gesamte Areal, um unser Grab herum mit gewässert. Ebenfalls die Gräber von denjenigen, die es nicht jeden Tag geschafft haben, trotz oder wegen der großen Hitze zu ihren Gräbern zu kommen. Jeden Tag. Wir haben uns die Zeit genommen. So wie wir auch sonst mindestens zwei Mal die Woche am Grab unseres Sohnes sitzen. Meistens mindestens eine Stunde. Oft zur Abendzeit, wenn es ruhiger wird. Bis 17 Uhr bezahlt man jetzt 1,- € die Stunde. Ab 17 Uhr 2,- € die Stunde, weil die Parkraumbewirtschaftung ja nicht auf die Friedhofsbesucher, sondern auf die Ausgeher und Krawallmacher abzielt. Auch dafür habe ich noch Verständnis. Wofür ich heute kein Verständnis mehr hatte war, dass wir keine Ausnahmeregelung bekommen. Die Begründung war, dass solchen Ausnahmen nicht „leichthin“ statt gegeben werden könnte. Und dass nur eine „restriktive Verfahrensweise“ verhindern kann, „dass deren tatsächlicher Erfolg Schaden nimmt“.
„Ausnahmegenehmigungen zum gebührenfreien Parken sind auf Antrag hin zu erteilen, soweit die entsprechenden Voraussetzungen vorliegen. Dies kann geschehen, wenn Parkvorgänge durch ein dringendes Erfordernis begründet sind, dessen unabweisbare Notwendigkeit zweifelsfrei zu erkennen ist. (...)Leider entsprechen die von ihnen angeführten Argumente nicht den o.g. Voraussetzungen zur Erteilung einer Ausnahmegenehmigung.“
Da ist mein Geduldsfaden dann gerissen. Zack war er durch. Einfach so und unwiederbringlich. Was muss denn noch passieren? Natürlich ist die Dame, die mir den Bescheid zugeschickt hat nicht da. Natürlich kann der Herr mit dem ich telefoniere nichts für die Bestimmungen, die sie umsetzen müssen. In einer Behörde kann grundsätzlich nie irgendjemand irgendetwas für das was er tut. Man kennt das ja. So ist das in der organisierten Unverantwortlichkeit. Keiner ist zuständig und alle müssen hart bleiben. Bevor ich im Bezirksamt anrufe, schreie ich ganz laut in unserer Wohnung. Und dann noch mal. Ganz laut. Trampele mit den Füßen auf den Boden wie ein kleines, verzweifeltes Kind. So wütend bin ich. So ohnmächtig fühle ich mich. Aber ich will nicht, dass die Person im Bezirksamt das abbekommt. Schließlich will ich keinen Streit sondern eine Lösung. Das gelingt mir aber nicht. Ich habe einen hartherzigen und kaltschnäuzigen Menschen am Telefon, der wortwörtlich zu mir sagt: „Auf dem Friedhof haben ja auch noch andere Menschen irgendjemanden liegen.“ Mal abgesehen von dieser despektierlichen Art über Tote zu sprechen: „Ich habe dort nicht irgendjemanden liegen. Dort liegt mein Kind. Gibt es denn zwischen Ihren ganzen Regelungen nicht irgendwo noch ein kleines Plätzchen für Menschlichkeit, für ein bisschen Herz und einen gesunden Menschenverstand?“
„Sie sind kein Anwohner.“ Er liest mir aus seinem Regelkatalog vor, dass solche Ausnahmeregelungen nicht leichthin ausgesprochen werden dürften.
„Mein Kind ist ein Anwohner. Nur leider kann es nicht mehr umziehen. Auch nicht leichthin. Hätte ich gewusst, dass diese Parkraumbewirtschaftung eingeführt wird, hätte ich mein Kind höchstwahrscheinlich nicht dort begraben. Davon wusste ich aber nichts. Und jetzt wird mir gesagt, es hat kein Recht auf einen Anwohnerparkausweis, weil es weder einen Führerschein geschweige denn ein Auto hat und angeblich auch gar kein Anwohner ist. Dabei zahlen wir sogar Miete.“
Als der Mitarbeiter des Bezirksamtes mich daraufhin bittet ihn nicht anzuschreien, denke ich: „Gute Idee. Vielleicht hilft es ihn anzuschreien. Wenn der Geduldsfaden schon mal durch ist, dann ist eh schon alles egal.“ Ich schreie ihm also zum Abschluss noch unsere wirtschaftliche Situation als freiberufliche Künstler in die Ohren, für die es sowieso nie Ausnahmeregelungen gibt und die prinzipiell durch alle Raster fallen. Ich sage ihm, dass ich so wütend bin, dass ich geradezu im Stande wäre Bomben zu schmeißen. Dass man das Wort Bombe nicht mehr sagen darf seit dem 11. September zischt mir kurz durch den Kopf, aber das ist mir dann auch schon egal. Wenn der Geduldsfaden einmal durch ist, dann schreit man auch 10 Mal hintereinander Bombe in den Hörer. Ich habe es nur einmal geschrien. Geholfen hat es auch nichts.
Bevor ich auflege kommt mir noch in den Sinn, dass es nie schlau ist, sich mit einem Menschen zu unterhalten, der einem sagt, dass er doch auch nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist. Man muss sich mit dem Getriebe unterhalten. Ich sage dem Herren am Telefon, dass ich gerne wüsste, wer das Getriebe ist. Er gibt mir einen Namen, aber keine Nummer. Um die Nummer zu bekommen, müsse ich die 115 anrufen.
Also rufe ich als nächstes das Bürgertelefon an. 115. Dort habe ich einen sehr netten Herren am Apparat, der so geduldig sucht bis er zwar keinen Mann dieses Namens, aber eine Frau ähnlichen Namens an der entscheidenden Stelle findet. Das ist für mich wie ein Weihnachtsgeschenk. Die Nummer des obersten Chefs der Behörde also des Erfinders des Getriebes, gibt er mir auch. Den Namen kann er nicht finden. „Der Chef von’ s Ganze hat keinen Namen.“ Auch interessant.
Ich bin so erschöpft, dass ich mich erst einmal zu meinem Mann in die Küche setze, um etwas zu essen. Kaum sitze ich, klingelt es an der Tür. Mein Mann öffnet. Ich höre, dass nach mir gefragt wird. Im Kopf gehe ich alle Menschen durch, die mir einfallen, die vielleicht so förmlich nach mir fragen und denen mein Mann so seltsame Antworten geben könnte. Aber ich komme zu keinem Schluss. Alle Worte, die gesprochen werden klingen seltsam und ergeben keinen Sinn. Mein Mann ruft mich zu sich. Vor unserer Tür stehen sieben Beamte in voller Montur und fragen mich, wie es mir geht und ob ich ein Problem mit einem Parkplatz hätte. „Wer über manche Dinge seinen Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.“
Ich schaue den Beamten, der die Frage gestellt hat an. Bin sofort wieder auf 180 und frage ihn, ob er mich für dumm verkaufen möchte.
Die zwei weiblichen Beamtinnen im Team bitten uns eintreten zu dürfen und schicken die Männer nach draußen. Die Polizistinnen sind geduldig, haben Mitgefühl, hören uns zu und erklären mir, dass der Bezirksamtsmitarbeiter sie gerufen habe. Ich sage: „Ich weiß, ich habe gesagt, ich bin so wütend, dass ich Bomben schmeißen könnte. Das war nicht richtig.“ „Nein, nein, sie haben gesagt, sie bringen sich um.“ Vielleicht habe ich heute doch meinen Verstand verloren. Ich sage, ich bringe mich um und telefoniere danach mit der 115 während mein Gesprächspartner die 110 ruft.
Heute Abend habe ich mir mit meinem verwirrten Verstand die Grundrechte aller deutschen Bürger vorgenommen. Da steht im Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
„Sind Trauernde keine Menschen?“ habe ich mich daraufhin gefragt.
In Artikel 6 Absatz 1 steht:
„Ehe und Familie stehen unter besonderem Schutz der staatlichen Ordnung.“
Ist eine Familie mit einem toten Kind keine Familie und eine Ehe, die mit dem Vorzeichen eines sterbenden Kindes geschlossen wurde keine Ehe?
In Artikel 6 Absatz 4 steht:
„Jede Mutter hat Anspruch auf Schutz und Fürsorge der Gemeinschaft.“
Ist eine Mutter von einem toten Kind etwa keine Mutter?
Wir bezahlen alle unsere Behandlungen, die wir bis jetzt in Anspruch genommen haben, um wieder heil zu werden, selbst. Wir haben viel Geld bezahlt, um eine würdige Beerdigung für unser Kind ermöglichen zu können. Wir haben viel Geld bezahlt, um ein schönes Grab für unser Kind zu haben. Wir investieren viel Geld für Blumen, die wir ans Grab bringen. Wir bezahlen sogar, wenn wir auf’s Klo müssen. Jedes Mal. Wir stellen unsere künstlerische Arbeit derzeit in den Dienst der Trauerarbeit und hoffen damit Menschen zu helfen, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind. Auch diese Arbeit finanzieren wir selbst. Irgendwann ist Schluss. Irgendwann reißt der Geduldsfaden. Und wenn er einmal durch ist, dann ist es schwer die zerrissene Verbindung wieder herzustellen.
Nach all diesem Trubel müssen wir raus aus der Wohnung. Wir brauchen frische Luft. Wir laufen eine Weile und da wir an einer Bank vorbeikommen, beschließe ich noch Geld abzuheben. Ein älterer Mann hält mir die Türe auf und einen Becher vor die Nase, schaute dabei auf mein Portemonnaie. Während ich das Geld vom Automaten hole, fragt mein Mann mich, ob wir nicht noch Kleingeld für den Herren an der Türe im Geldbeutel haben. Ich habe keine Lust ihm etwas zu geben. Ich finde, er hat gierig auf mein Portemonnaie geschaut. Wir haben auch nur noch Centstücke. Gemeinsam  beschließen wir das Kleingeld, das wir haben in seinen Becher zu werfen. So sind wir die Centstücke los. Der Mann sieht mir in die Augen und bedankt sich. Als wir wieder auf der Straße sind, fühle ich mich schrecklich. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ schießt es mir durch den Kopf. Auch seine. Ich gehe zurück und stecke ihm die Hälfte des Geldes, das ich abgehoben habe in seinen Becher. Ich kann doch nicht für mich ein Recht einfordern und es anderen nicht zugestehen. Wie unwürdig ist es für einen alten Mann mir die Türe aufzuhalten und zu betteln, wenn ich Geld abhebe. Wie unwürdig müssen sich Menschen behandeln lassen, die vor Gewalt und Terror in unser Land fliehen, den wir in ihre Länder gebracht haben. Wie unwürdig werden Frauen in vielen Kliniken unter der Geburt behandelt, alte Menschen in Seniorenheimen, Arbeitssuchende und viele arbeitende Menschen, die auf Hartz IV angewiesen sind.
Wollen wir wirklich alle in einer Welt leben, wo zwischen Profit und Wirtschaftsinteressen die Menschlichkeit keinen Platz mehr hat?
Wenn wir es schaffen würden Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes in die Wirklichkeit umzusetzen anstatt uns mit der Nichteinhaltung der Menschenrechte in anderen Ländern zu befassen. Jeder. Jeden Tag. Unsere Welt wäre eine andere. Wenn jeder vor seiner eigenen Türe kehrt, dann sehe ich noch Licht in unserem Leben und eine Chance für unsere Menschheit.
In diesem Sinne: Verzeihen Sie Herr H. aus dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, dass ich sie angeschrien habe. Auch Sie haben natürlich eine Würde und es ist nicht in Ordnung Sie anzuschreien. Auch dann nicht, wenn mein Geduldsfaden reißt. Denn auch dafür können Sie nichts. Aber, es tut mir leid, ein bisschen nachtreten muss ich leider trotzdem noch. Zu ihrem eigenen Wohle.
Wir alle haben in der Schule lange und ausführlich über eine Zeit der organisierten Unverantwortlichkeit gelernt. Eine dunkle Zeit. Eine braune Zeit. Wie kann es sein, dass es wieder so viele Menschen gibt, die mir sagen: ich kann nichts dafür, es sind nicht meine Regeln, ich habe sie mir nicht ausgedacht. Verdammt noch mal. Jeder hat eine Verantwortung für das was er tut. Das ist unser Land. Wir leben hier. Wir haben jeden Tag die Möglichkeit uns zu entscheiden. Für oder gegen Menschlichkeit. Jeden Tag. Diese Freiheit sollten wir uns von keinem Arbeitgeber der Welt nehmen lassen. Und wenn der Arbeitgeber die Stadt oder der Staat selbst ist, schon erst recht nicht. Dann sind wir noch viel mehr dazu aufgefordert die Anliegen unserer Mitbürger ernst zu nehmen. Ihnen Mitgefühl entgegen zu bringen, wenn sie verzweifelt sind. Wir wählen die würdigen Menschen, die sich alle diese Regeln ausdenken. Wir sind das Volk. Schon vergessen? Sagen Sie nein. Setzen Sie sich ein. Seien Sie am Leben. Das ist mein größter Weihnachtswunsch. Entwickeln Sie ein großes Herz. Wie unser Sohn, dessen Herz so groß war, dass er in dieser Welt nicht bleiben konnte.






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